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Work-in-Process-Management in S/4HANA

Work-in-Process-Management: Transparenz über Ware in Arbeit schaffen. So bilden Sie Ihren WIP-Prozess in S/4HANA mit dem neuen Release ab.

Im letzten Quartal 2022 stellte SAP das Release SAP S/4HANA 2022 mit den neuesten Updates vor. Neben diversen Verbesserungen im Qualitätsmanagement, Produktion und branchenspezifischen Themen liefert die SAP mit dem neuen Release eine neue Funktionalität zur Verwaltung von unfertigen Artikeln: das Work-in-Process-Management.

Verwaltung von unfertigen Artikeln

WIP-Materialien, die sich noch im Fertigungsprozess befinden, konnten im SAP Standard bis dato nicht systemseitig verwaltet werden. Da sie niemals als Halbfertigprodukte oder Ersatzteile verkauft werden, haben sie keinen Materialstamm, befinden sich in keiner Stückliste und sind dem Lagerverwaltungssystem unbekannt. Der Produktionslogistiker weiß dann oft nicht, welches Material sich in welchem Bearbeitungszustand und an welchem Ort befindet.

Die Verwaltung solcher unfertigen Artikel läuft oft organisatorisch ab: Ein Werker bereitet das unfertige Material vor und stellt es an einem bestimmten Ort im Lager ab. Soll das Material in den nächsten Fertigungsschritt gehen, ist bis dahin vielleicht etwas Zeit vergangen, unter Umständen eine ganze Schicht. Der nächste Mitarbeiter weiß nur vom Hörensagen – oder hat bestenfalls auf einem Zettel notiert –, wo sich das unfertige Material befindet. Geht der Zettel verloren oder sind die unfertigen Artikel aus irgendeinem Grund an einem anderen Ort gelandet, geht die Suche los. Das System ist in diesem Fall keine Hilfe, da es weder das unfertige Material noch seinen Lagerplatz kennt.

Ein weiteres Problem bei den WIP-Materialien ist, dass ihr Bestand unbekannt ist. Ihr Verbrauch und die Nachfertigung müssen ebenfalls manuell vom Lagerleiter überwacht und gesteuert werden. Ist die Einschätzung einmal nicht ganz richtig, kommt es zur Überproduktion und als Folge Platzmangel, oder es werden zu wenige Teile angefertigt, und der nächste Fertigungsvorgang muss warten, bis nachproduziert wird.

In beiden Fällen wird das WIP-Management organisatorisch bewerkstelligt. Es kann nur funktionieren, wenn die Abläufe klar definiert und strikt eingehalten werden. Ist der verantwortliche Mitarbeiter nicht erreichbar, kann das Fehlerhandling sehr umständlich und zeitaufwändig werden, da das System keinerlei Informationen über den Verbleib des WIP-Materials liefert.

Work-in-Process-Management

Mit dem Release S/4HANA 2022 schließt die SAP diese Lücke und bietet einen simplen Prozess für die Verwaltung des WIP-Materials. Mit diesem neuen Prozess können Lagerbetreiber unfertige Artikel im System verwalten, bis sie für den nächsten Fertigungsvorgang angefordert werden. Dabei wird ein WIP-Material mit einer WIP-Nummer, dem aktuellen Bestand und dem Platz im Lager systemseitig erfasst, was dem Mitarbeiter erlaubt, jederzeit den Verbleib und die Menge der WIP-Produkte nachzuvollziehen.

Der Prozessablauf vom Wareneingang bis zur Bereitstellung

SAP EWM unterstützt die WIP-Verwaltung sowohl für den Wareneingangs- als auch für den Bereitstellungsprozess. 

Der Wareneingang stellt den Prozess dar, in dem die vorbereiteten WIP-Artikel nach ihrer Vorbereitung physisch im Lager gelagert werden. Es wird beispielsweise ein Draht auf die Länge der Stecknadeln zugeschnitten. Der geschnittene Draht ist in diesem Fall das unfertige Material, das in den Bestand auf Lager geht. Für diesen WIP-Artikel wird der Wareneingang wie folgt gebucht:

  1. Anlegen einer Anlieferung für WIP-Bestände
  2. Bestimmen einer WIP-Produktnummer
  3. Lagern des WIP-Artikels auf dem WIP-Bestand
  4. Empfangsstatus wird mit MES synchronisiert.

Wird der geschnittene Draht für die weitere Fertigung benötigt, wird er in folgenden Schritten bereitgestellt:

  1. Lageranforderung für WIP-Bereitstellung erstellen
  2. Das WIP-Produkt während der Lageranforderungserstellung bestimmen
  3. Bestandsänderungsbenachrichtigung an MES senden, wenn die Bereitstellung bestätigt wird.

Mit Ausbuchen des WIP-Produkts aus dem Bestand wird der WIP-Prozess beendet und der gewohnte Fertigungsprozess nimmt seinen Lauf.

WIP ungleich Halbfertigteil

Der Unterschied eines WIPs von einem Halbfertigprodukt liegt vor allem darin, dass ein WIP ein Erzeugnis aus Rohstoffen oder Bauteilen ist, das als Abgang an die Produktion gebucht wird und selbst nicht bestandsgeführt wird. Ein Halbfabrikat dagegen hat einen eigenen Bestand, der durch Zu- und Abgangsbuchungen in der Materialwirtschaft auf einem aktuellen Stand gehalten wird.

So ist zum Beispiel ein gepolstertes, aber noch nicht bezogenes Sofa ein WIP-Produkt. Ein geschnittener Draht, der zu Stecknadeln verarbeitet werden soll, bleibt auch nach dem Anspitzen ein WIP. Erst mit dem Abschluss des letzten Fertigungsschritts – des Anbringens des Stecknadelkopfs – wird aus dem WIP ein Halbfertigprodukt die Stecknadel.

Zusammenfassend unterscheidet sich ein WIP-Produkt von Halbfertigprodukten in folgenden Aspekten:

  • Ein WIP-Produkt ist kein Teil der Stückliste (BOM).
  • Ein WIP-Produkt hat keine Bewertung.
  • WIP-Bestand muss nicht in der Inventory-Anwendungskomponente überwacht und nachverfolgt werden.

Bisher bildeten viele Unternehmen ihren WIP-Prozess organisatorisch ab. Dieser funktionierte nur dann reibungslos, wenn die Abläufe klar definiert und strikt eingehalten wurden. Mit dem neuen WIP-Management in S/4HANA können die Anwender jederzeit systemseitig nachvollziehen, in welchem Zustand, auf welchem Platz und mit welcher Menge sich das Halbfertigteil befindet. 

Sebastian Keilhacker, Managing Consultant CONSILIO GmbH

Weiterführende Infos:

Themen rund um die Lagerverwaltung