SAP Logistics Management, kurz LGM, ist die neueste Logistiklösung der SAP. Modern, leistungsfähig – und gleichzeitig mit einem Punkt, bei dem viele Logistikverantwortliche und Produktionsleiter hellhörig werden: Produktionsintegration.
Denn offiziell gilt: Eine vollumfängliche Produktionsintegration in LGM ist laut SAP erst für Q4 2026 vorgesehen. Wer heute Produktion und Lagerlogistik sauber verzahnen will, muss also warten. Oder?
Nicht zwingend.
In der Praxis zeigt sich: Mit den jüngsten Erweiterungen in SAP Logistics Management lässt sich bereits heute eine Light-Version der Produktionsintegration abbilden. Kein vollständiger Ersatz für klassische Integrationen aus WM, Stock Room Management oder EWM. Aber ein pragmatischer Weg, um bestimmte Produktionsszenarien schon jetzt mit LGM zu unterstützen.
Produktion und Logistik sind eng miteinander verzahnt: Komponenten müssen bereitgestellt, entnommen, kommissioniert und später Halb- oder Fertigfabrikate wieder vereinnahmt werden.
In kleineren oder einfacheren Standorten läuft das heute oft über ein IM-Lager. Bestände werden retrograd oder manuell entnommen, zum Beispiel über die klassische Kommissionierliste. Der Prozess ist bekannt und technisch beherrschbar.
Aber sobald mobile Prozesse, Leitstandfunktionen, Queues oder mehr Transparenz gefragt sind, stößt diese Welt schnell an Grenzen. Genau hier wird LGM interessant.
Der zentrale Gedanke: Wenn im Produktionsprozess über die Kommissionierliste (MB26) ein Warenausgang gebucht wird, entsteht ein Materialbeleg. Auf Basis der Komponentenliste im Fertigungsauftrag kann SAP die relevanten Positionen bereitstellen.
In Verbindung mit SAP Logistics Management lässt sich daraus automatisch eine Auslieferung erzeugen. Diese Auslieferung kann LGM nutzen, um logistische Folgeprozesse abzuleiten.
Damit wird die Produktionsbereitstellung nicht mehr nur als einfache Bestandsbewegung behandelt. Sie kann mit Funktionen aus LGM abgewickelt werden:
Das ist mehr als Kosmetik. Die Produktion kann bereits heute von LGM-Funktionen profitieren, obwohl die offizielle SAP-Produktionsintegration noch nicht verfügbar ist.
Natürlich kann man auf die SAP-Roadmap warten. Das ist bequem, sauber und politisch meist ungefährlich.
Aber es ist auch langsam.
Wenn Ihr Unternehmen heute schon mit Produktionsversorgung, manuellen Entnahmen, Papierlisten oder wenig transparenten Lagerprozessen kämpft, hilft Ihnen eine geplante Funktion in Q4 2026 operativ erst einmal nicht weiter. Die Frage ist also weniger: „Ist die Standardintegration schon da?“ Sondern eher: „Welche Prozesslücke können wir heute schon sinnvoll schließen?“
Genau hier liegt der Reiz dieser Light-Integration.
Die Produktionsintegration endet nicht bei der Komponentenbereitstellung. Nach der Fertigung müssen Halbfertigteile oder Fertigteile wieder vereinnahmt werden.
Auch dafür gibt es einen praktikablen Ansatz über das Anlieferungsszenario. Der Wareneingang kann beispielsweise über die MIGO zum Fertigungsauftrag gebucht werden. Alternativ kann eine Meilensteinrückmeldung den Wareneingang anstoßen.
Das Ergebnis: In LGM entsteht automatisch eine entsprechende Anlieferung. Diese kann für die Einlagerung genutzt und mit den jeweiligen Folgebelegen weiterverarbeitet werden.
Damit entsteht ein einfacher, aber durchgängiger Prozessrahmen:
Für viele Unternehmen reicht genau das aus, um erste produktionsnahe Logistikprozesse deutlich zu verbessern.
Hier muss man ehrlich bleiben: Diese Lösung ist eine Light-Version. Pragmatisch, aber nicht vollständig.
Vor allem ist im ersten Schritt nur eine auftragsbezogene Kommissionierung möglich. Die Bereitstellung orientiert sich also am konkreten Fertigungsauftrag.
Funktionen aus klassischen Produktionsintegrationen sind damit zunächst nicht abgedeckt, zum Beispiel:
Wer solche Szenarien braucht, sollte diesen Ansatz nicht als vollständigen Ersatz verkaufen. Das wäre fachlich unsauber.
Aber ebenso unsauber wäre es, ihn pauschal abzutun, nur weil er nicht alle denkbaren Produktionsszenarien abdeckt.
Damit die technische Übertragung und Abwicklung der Auslieferungen funktioniert, benötigt LGM entsprechende Incoterms.
Das klingt nach Detail, ist aber entscheidend. Solche Einstellungen bestimmen oft, ob ein sauber gedachter Prozess auch technisch stabil läuft.
Gerade bei einer Lösung, die nicht als klassische Standard-Produktionsintegration ausgeliefert ist, müssen Organisation, Kennzeichnung und technische Parameter sauber zusammenspielen.
Der Ansatz ist vor allem interessant für Unternehmen, die:
Weniger geeignet ist er für Unternehmen mit hochkomplexen Produktionsversorgungsprozessen, umfangreicher KANBAN-Logik, auftragsübergreifender Materialbereitstellung oder tief integrierten Produktionsprozessen.
Die Produktionsintegration in SAP LGM ist offiziell noch nicht vollständig da. Aber das bedeutet nicht, dass Unternehmen bis Q4 2026 nichts tun können.
Mit dem Anlieferungs- und Auslieferungsszenario lässt sich bereits heute eine schlanke Produktionsintegration aufbauen. Sie nutzt vorhandene SAP-Mechanismen, verbindet diese mit LGM-Funktionen und schafft operativen Mehrwert: mobilere Prozesse, bessere Steuerung, mehr Transparenz und eine modernere Abwicklung der Produktionslogistik.
Ist das die finale SAP-Lösung? Nein.
Ist es für viele Unternehmen besser als Warten? Sehr wahrscheinlich.
Denn wer in der Logistik nur auf den perfekten Standard wartet, hat am Ende oft perfekte Ausreden — aber keine besseren Prozesse.